• Vera Sindaco

Rock Bottom & Stadt Land Fluss

Aktualisiert: 21. Aug. 2019

Ohne Ziel loszufahren ist irgendwie gar nicht so toll wie es klingt. Vor allem dann nicht, wenn der Fahrer plötzlich starke Bauchschmerzen bekommt, sich sogar während der Fahrt hinten in den Van legt und man irgendwo am Highway an einem Golfclub halten und übernachten muss.

Kängurus lieben Golfplätze....Mauro nur am Schlafen...

Die ersten paar Tage nach Sydney waren zäh und anstrengend, Mauros Krämpfe und Abgeschlagenheit wurden und wurden nicht besser, trotzdem musste es irgendwie weiter gehen. Einziger Anhaltspunkt vorerst: Die italienische Freundin, die wir in Port Macquarie treffen wollten. Die meldete sich dann aber nicht mehr, weshalb wir am Ende einen ganzen Tag dort "verschwendeten".

Auf der Suche nach anderweitigen zwanglosen Kontakten wurden wir von dem örtlichen Hostel betreten und ziemlich unfreundlich wieder weggeschickt, nachdem wir fragten, und übernachteten schließlich bei den einzigen öffentlichen Toiletten direkt zwischen einem gruseligen Friedhof und einer lauten Straße. Schlechte Nachrichten von der Family in Erlangen und damit verbundenes Heimweh noch obendrauf? Yep, bittesehr. Alles in allem - rock bottom:

Sprit und Einkäufe hatten bis dahin deutlich mehr finanziellen Puffer aufgebraucht als geplant, weshalb wir eigentlich nochmal eine Weile arbeiten wollten, bevor wir nach Airlie Beach hochfahren. Problem daran war aber, dass meine bisher einzige Chance auf einen Job im Segelbereich flöten gehen würde, wenn wir erst im Juni an den Whitsundays ankämen. (Die Besitzer des Touranbieters, die Interesse an mir hatten, wären dann nämlich erstmal im Ausland unterwegs.)

Für nur zwei Wochen in einem netten Italiener in Coffs Harbour aushelfen und sofort danach weiterzuziehen konnten wir mit unserem Gewissen nicht vereinbaren, Farmwork bringt finanziell und physisch oft mehr Schaden als Nutzen. Wird salopp auch gerne mit "Modern Slavery" umschrieben... Mental hatte sich Mauro mittlerweile außerdem schon darauf eingestellt, seinen Blinddarm hier in Australien zu lassen, und wir suchten mithilfe der Allianz die nächste Klinik raus. (Diese wäre übrigens in einem kleinen Aussteiger-Hippie-Städtchen namens "Bellingen" gewesen. O-ton Mauro: "Aah ja, hier hätten sie mir den Blinddarm wahrscheinlich rausgetanzt oder so." )

Bellingen - unten im Tal noch grün, in den Hügeln ist's Herbst.


Zu allem Überfluss hatte ich mir während dieser Tage auch noch so dermaßen einen der rechten Zehen gestoßen, dass dieser blau und geschwollen war und ich kaum auftreten geschweige denn Auto fahren konnte...

Die Lösung für fast alle Probleme - Geldsorgen, Bauchkrämpfe, Ungewissheit- war dann die Entscheidung, ein paar finanzielle Reserven daheim anzuzapfen und entspannt, aber trotzdem noch relativ low-budget Richtung Norden weiterzureisen, um noch vor Juni in Airlie Beach anzukommen. "Geld ist nicht alles, macht's aber einfacher."


Hier mal ein Überblick über unsere etwas wüste Route (zwischen Port Macquarie/Bellingen/Woolgoolga ging es viel hoch und runter, kreuz und quer):

Wir trafen uns nochmal mit Chris aus Sydney, der lustigerweise seine Freundin in Woolgoolga besuchte, genossen die Strände an der sogenannten "Central Coast" und das paradiesische Inland mit so märchenhaften Orten wie dem Never Never Creek, Promised Land und Rainbow Country. Ob mein Fuß von der magischen Kraft des creeks geheilt wurde oder vielleicht doch nur, weil ich ihn einfach den ganzen Tag ins eisige Wasser gehalten hab, bleibt ein Mysterium.

Fuß und Bauch ausruhen am Emerald Beach ... da konnte ich immerhin noch humpeln.

In der berühmt-berüchtigten Arts Factory Lodge in Byron Bay trafen wir dann endgültig auf die prophezeiten Horden deutscher Backpacker und anderer prätentiöser "Traveler", die sich gegenseitig die Haare blau färbten und über Instantnudeln eifrig vom nächsten Drogentrip fabulierten. Hinter sich aufzuräumen schien die meisten von ihnen zu überfordern, so direkt aus Hotel Mama raus und viel zu sehr damit beschäftigt, Sternzeichen und bedeutungsvollen handgemachten Schmuck auszutauschen. Einer individueller als der andere, mit lauter außergewöhnlichen Hobbies wie Hoola Hoop, Jonglieren oder Feuerbälle an Schnüren schwingen. Ach ja, Trommelkreise und hangover-freundliches Yoga wurden natürlich auch praktiziert - ganz idyllisch neben den leeren Goon-Säcken vom Vorabend. (Goon = billigster Tetrapackwein) (Passend: eine wunderbare Szene aus der britischen Kultserie "The Inbetweeners", in der die Jungs in exakt dem Hostel absteigen und auf besagte Spezies treffen: Inbetweeners 2 Movie Rant )

Wir pickten uns trotzdem ein paar nette Leute raus und beobachteten zusammen fasziniert, wie sich einige Exemplare von ihren diversen Trips so gar nicht mehr erholen wollten.

An Drogenpräsenz getoppt wurde die östlichste Stadt Australiens dann nur noch von der kleinen Hippie-Kommune "Nimbin" weiter im Inland, wo es außer 450 Einwohnern vor allem "Herb-Shops" und freie Liebe gibt.

Dazu ein kleiner amüsanter Auszug aus dem Wikipedia-Artikel:

>> Nimbin war ein verschlafenes Dorf, in dem bis 1973 ein Hippie-Festival abgehalten wurde, das Aquarius Festival. Bei dem Fest wurden damals vier Festivalbesucher von der Polizei inhaftiert. In gemeinschaftlichem friedlichen Protest zog die Festgemeinschaft zur Polizeiwache und verlangte deren Freilassung. Daraufhin kapitulierte die Polizei, ließ die Inhaftierten frei und billigte ebenso den Konsum von Marihuana. Viele der damaligen Festivalbesucher blieben ansässig. Zum jährlichen Festival, dem „MardiGrass“ (einer ironischen Abwandlung von „Mardi Gras“), kommen bis zu 20.000 Besucher in den Ort. (...) In der Stadt wird eine Cannabiskultur offen gepflegt, obwohl in New South Wales der Konsum und Anbau illegal sind. Es gibt diverse Läden und ein Hippie-Museum. <<

Oben Nimbin bei leider ekeligem Wetter. Unten Gold Coast mit sandigem Po.

Abwechselnd mit Stadt gab es auch immer wieder Land und Fluss, oder besser Strand und Regenwald. Fast gefiel uns das grüne Inland mit all den sanften Hügeln, Wasserfällen und gewundenen Straßen besser als die Küste, vor allem, da es dort deutlich mehr gratis Campsites gibt:

Überraschend viel Zeit haben wir im Endeffekt in Noosa verbracht, für Mauros 28. Geburtstag gönnten wir uns mal wieder richtig leckeren Brunch und einen "Luxus-Campingplatz" direkt am Noosa River, samt kleinem Strand und riesigen Pelikanen.

Wenn das Cafe so beliebt ist, dass der deutsche Koch nicht mal Zeit hat, die Banane zu schneiden..

Außerdem wagten wir uns dort auch mal wieder in die gehobene Mittelschicht und kauften zur Feier des Tages Tickets zu einem lokalen "Food and Wine Festival". Dafür wurden extra ein paar schickere Klamotten wieder aus den Kisten rausgekramt, und ich putzte noch schnell unsere dreckverschmierten Stiefel. Was wir nicht erwartet hatten: da es den ganzen Tag exakt bis zu unserem Aufbruch vom Campingplatz wie aus Kübeln geregnet hatte, war das gesamte Festivalgelände ein einziges Schlammbad. Gleich am Anfang wurde uns aufmunternd gesagt: "Welcome. Ready to embrace the mud?" Schnell war klar, dass die "Food and Wine"-Komponente dieses Events längst in den Hintergrund gerückt war. Das neue Thema des Festivals: "Spießige Mitt-Fünfziger und schicke Instagram-Püppchen staksen halb verunsichert, halb ungewohnt losgelöst barfuß im Matsch, um ihre teuren Schuhe nicht zu ruinieren".

Kurz: es war einfach nur herrlich. Aus irgendeinem Grund fanden uns die verschiedenen Standinhaber ganz furchtbar sympathisch und wir wurden mit gratis Alkohol verwöhnt. Vielleicht deshalb, weil wir uns insgesamt doch leicht von der Masse abhoben - zu arm für Schampus und Kaviar, aber hauptsache cool wie Oskar in der besten knittrigen Backpacker-Klamotte, die wir besaßen. Wir blieben und tanzten bis zum Ende, wurden noch mit auf die Afterparty eingeladen und krabbelten schließlich schlammverschmiert und betrunken zurück in unseren gemütlichen Van.

Noosa Main Beach & Promenade

Noosa National Park am Morgen - mit Premium-Aussicht!

Von Noosa aus wollten wir eigentlich direkt nach Airlie Beach hochfahren, entschieden uns aber im letzten Moment noch für den Umweg über 1770 und Agnes Water. Eine Stadt, die einfach nur wie eine Jahreszahl heißt - da wollte Mauro hin. Neben seiner historischen Bedeutung -Captain James Cook erreichte hier im April 1770 das erste Mal australisches Festland- ist dieser kleine idyllische Zipfel außerdem der letzte (und günstigste) Ort um surfen zu lernen, bevor das Great Barrier Riff weiter nördlich die größeren Wellen alle abblockt.

Klar, dass wir das auch noch reinschieben wollten! Nach knapp drei Stunden in der prallen Sonne und mehr unter als auf dem warmen Wasser des Agnes Water Beach fuhren wir hungrig und endlich mal wieder ausgepowert, mit zittrigen Armen und klassischen salzigen Surfer-Frisuren zum nächsten Café. Spaß hat's schon gemacht, und ganz schrecklich haben wir uns auch nicht angestellt, aber der allgemeinen hiesigen Begeisterung für diesen "Volkssport" schließen wir uns trotzdem nicht an. (Unser Surflehrer steht auf dem Brett seit dem zarten Alter von vier Jahren. Vergleichbar mit Kids in Skiregionen bei uns... nur dass man hier halt das ganze Jahr über surfen kann.)

Nach ein paar weiteren Erkundungen auf festem Boden verließen wir Agnes Water wieder, um endgültig den letzten großen Schwung nach Airlie Beach zu schaffen. Den Umweg war es trotzdem wert, zwei derart süße Orte mit so herzlichen Bewohnern und toller Natur hätten wir nicht missen wollen! Bereit, wieder mal eine längere Zeit an einem Ort zu leben, schafften wir es dank Wer-Wird-Milionär-Wachhaltequiz und viel Kaffee bereits am 23. Mai anzukommen.

Paperbark-Tree Boardwalk mit unglaublichem Licht // Sonnenuntergang vor Abfahrt.

Vanlife- Realitäten // Ortsschild-Kuriositäten // Wachhalte-Taktiken.



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