• Vera Sindaco

Drinking town with a sailing problem

Anfang August. Ziemlich genau neun Monate sind rum, seitdem wir mit unseren beiden Rucksäcken in Frankfurt am Flughafen standen. Kommt uns manchmal vor wie ein paar Wochen, andererseits aber auch wie eine Ewigkeit. So unglaublich viel ist in der letzten Zeit passiert, und gleichzeitig haben wir mittlerweile sowas wie einen "Alltag", samt Wohnung, Jobs und neuen Freunden.

Seit gut zwei Monaten leben wir jetzt schon in Airlie Beach, einer kleinen Stadt mit unter 3000 Einwohnern an der Ostküste, ungefähr auf halbem Weg zwischen Brisbane und Cairns (ganz grob). Der inoffizielle Slogan der Stadt - "a sailing town with a drinking problem" - wird hier auch ganz gerne umgedreht, und wenn man erstmal eine Weile hier ist, versteht man beide Varianten.

Schon als wir an dem sonnigen, heißen Donnerstag Ende Mai das Ortsschild passierten, war ich hin und weg von der Aussicht auf die vorgelagerte Bucht: Segelyachten, Katamarane, Trimarane und Jollen überall, vor Anker und in der Marina! Weiter draußen die ersten Inseln der Whitsunday Islands, die mich sofort an die so oft umsegelten ionischen Inseln in Griechenland erinnerten.

Im Ort dann die palmenumsäumte Airlie Beach Lagoon, zahlreiche Hostels, Reisebüros und vor allem Pubs. Ja, es ist touristisch hier. Die meisten Einheimischen leben eh im Nebenort Cannonvale, wo es außer günstigeren Wohnungen auch die ganze Infrastruktur samt Einkaufszentrum, Tankstellen etc gibt.

Wir nisteten uns samt Lola erstmal im Magnums Backpackers ein, welches etwas abseits von täglicher Live-Musik und Mehrbett-Dorms auch fünf kleine Van-Stellplätze anbietet.

Die Lagune, unser Hostel-"Garten", unser Hängematten-Setup und die Bucht...

Ohne groß Zeit zu verlieren, machten wir uns auch direkt auf in die "Stadt", um uns umzuschauen und fleißig Lebensläufe zu verteilen. Ich hatte bereits einen Monat im Voraus an alle möglichen Segeltour-Betreiber geschrieben und mich beworben, woraufhin ich ja auch schon frühzeitig eine nette Unterhaltung mit Lindsay und Grant von Providence Sailing führte. Voll motiviert rief ich die beiden auch direkt am ersten Tag wieder an, um mich persönlich zu treffen- wenn sie denn interessiert sind. Ein kleines, lokales Familienunternehmen, alle Kinder sind segelnd aufgewachsen, zwei Boote, ...diese Parallelen zu meiner eigenen Segelerfahrung reizten mich deutlich mehr als die größeren Unternehmen mit mehreren Booten voller 18-jähriger Backpacker, bei denen es hauptsächlich darum geht, wer mehr billigen Goon (=Wein) mitbringt und konsumiert. All das hab ich mehr oder weniger so auch am Telefon erwähnt und bis heute bin ich überzeugt, das war der "Funke", der überspringen musste, damit die beiden mich kennenlernen wollten.

Die Anzahl der offenen Stellen in Airlie Beach Ende Mai ging nämlich ehrlich gesagt gegen Null, laut den Einheimischen war es eine "so ruhige Nebensaison wie schon lange nicht". Schon ziemlich verunsichert freuten wir uns nach einem verregneten, ziemlich niedergeschlagenen Freitag im Van dann umso mehr, dass ich bereits Samstag eine Probe-Sunsetcruise auf der wunderschönen Providence angeboten bekam!

Seit Monaten - wahrscheinlich sogar Jahren- hatte ich davon geträumt, in den Whitsundays auf einem Segelboot zu arbeiten, oder wenigstens erstmal irgendwo in der breit aufgestellten Community an bootsbegeisterten Verrückten. Und da stand ich plötzlich, auf einem so anderen Boot als ich es gewohnt war, mit all den speziellen Segelbegriffen, die ich nur auf Deutsch kannte, einer polnischen Deckhand mit walisischem Akzent und einem durch und durch schottischen Skipper. Und war erstmal verloren. Kurze nautische Facts:

Providence V ist ein 62-Fuß langer sog. "Schooner" mit Gaffeltakelung, eine aus australischen Holz nachgebaute Replika der alten Fischerboote in Nova Scotia. Alles manuell, Holz, Muskelkraft...vier Segel, von immerhin zweien davon wusste ich, wie sie heißen.

Irgendwie schien ich mich trotzdem ganz gut angestellt zu haben, am nächsten Tag durfte ich direkt auf den Daysail mit, zum Training. Wahnsinnig nervös watschelte ich also bei Sonnenaufgang in Richtung Marina, keine Ahnung, was auf mich zukommen würde.

Um es kurz zu machen: Segel setzen und bergen, Steuer übernehmen, Gäste unterhalten und versorgen, alle auf Whitsunday Island und Whitehaven Beach herumführen, beim Schnorcheln aus dem Beiboot hinaus beobachten und aufpassen, dass niemand aus Versehen kurz mal ertrinkt,...gegen Ende des Tages meinte Kieran, der Skipper: "Okay, ich hab zwar noch nicht mit Grant und Lindsay gesprochen, aber ich würde sagen, du hast den Job!" (beziehungsweise sagte er das Ganze natürlich ungefähr so: LINK) Und eine über beide Ohren grinsende Vera bleib freiwillig auch noch für den Sunset-Sail gleich im Anschluss an Bord.

Mauro hatte natürlich mal wieder ziemlich viel Glück. Es gibt hier genau zwei italienische Restaurants im Ort, und in einem davon - La Marina- hatte er schon nach wenigen Tagen seine erste Schicht. Absolut seine Komfortzone, waren die wie zu erwarten begeistert von ihm, konnten ihm aber vorerst nicht wirklich viele Schichten versprechen. Wie es der Zufall so will, kündigte eine der Mitarbeiterinnen exakt während Mauros erster Schicht. Das ermöglichte ihm zwar mehr, aber keine längeren Schichten, weshalb er leider bis heute relativ unterfordert und oft genervt ist. So viel wie Airlie Beach für Segelbegeisterte bereithält, so wenig bietet es gleichzeitig in gastronomischer Hinsicht. Gerade, wenn man direkt aus Melbourne kommt und den wohl krassesten Gegensatz dazu gewohnt ist. Aus diesem Grund konzentriert Mauro sich auch eher auf alles außenrum, feilt an neuen Projekten und Rezepten, spielt Beachvolleyball, kocht, fährt einkaufen und trifft neue Leute.

Letzteres fiel uns am Anfang noch relativ schwer. Komisch eigentlich, wenn man bedenkt, dass wir den kompletten ersten Monat auf unserem Stellplatz im Backpackers verbracht haben, mit immer anderen abendlichen Live-Musik Highlights oder alternativ Krötenrennen.

(Ja, ihr habt richtig gelesen. Gleich an unserem ersten Tag wurde uns diese merkwürdige, berühmt-berüchtigte "Tradition" vorgelebt, bei der im Hostel-Pub nacheinander von den Umstehenden auf vier Kröten geboten wird. Daraufhin wird das gesamte auf die Kröten gebotene Geld von den entsprechenden höchst-bietenden Zuschauern eingesammelt und in einen Topf geschmissen. Die Kröten werden dann aus ihrem Eimer befreit und sollen früher oder später in Richtung der aufgestellten Holzzäune hüpfen. Wessen Kröte als erstes das Holz berührt, derjenige gewinnt alles Geld im Topf. Das erste Mal wollten wir einfach nur auf ein kleines Bierchen gehen und standen dann völlig perplex inmitten wild bietender Männer. Wo zur Hölle waren wir hier gelandet?! Zu allem Überfluss wurden an diesem Abend dank einiger ausufernder Junggesellenabschiede auch noch insgesamt 1200 Kröten auf die Kröten geboten! Pun intended.)

Mittlerweile hatte Mauro schon seine letzte Schicht, wir kennen einige coole Leute mehr und wohnen nicht mehr im Van. Schon nach einigen Tagen mit so unterschiedlichen Arbeitszeiten - Mauro bis spätabends, mein Wecker klingelt um 5:30 - wurde uns klar, dass wir eine richtige Wohnung brauchen.

Durch Zufall lernte ich schon kurz darauf Jacquie kennen, als wir beide unsere Mittagspause am Whitehaven Beach hatten, welche mir von einem freien Zimmer in einer Traumwohnung mit ihr und ihrer Freundin Ebony erzählte. Offene Küche, zwei Bäder, Balkon mit Blick auf die ganze Bucht, zwei Pools und das mitten in Airlie Beach, das Ganze für deutlich weniger Miete als der Stellplatz im Hostel - unsere Entscheidung war sofort gefallen. Und das beste sind die beiden Mädels: Jacquie ist dreißig, gefühlt aber maximal Mitte zwanzig, kommt aus England und wenn sie nicht auf den Booten eines der größten hiesigen Unternehmen arbeitet, isst sie am liebsten gefrorene Erbsen als Snack und trinkt Sekt mit Erdbeeren. Ihr Nachname ist passenderweise Harbour , und auch WG-Mami Ebony ist ein "Bootmädel". Ich bin also in bester Gesellschaft. Ebony ist Anfang dreißig, lebt und arbeitet seit fast sieben Jahren in Airlie Beach, kommt aber ursprünglich aus der Umgebung von Brisbane. Ein winziges Powerpaket, man weiß oft nicht so genau, wo sie sich wieder rumtreibt, ob beim Pilates, Yoga, in einer Bar oder am Strand?!

Erstaunlich oft sind wir aber doch alle gemeinsam zuhause, belohnen uns feucht-fröhlich von unseren 13-Stunden-Tagen auf dem Wasser und tauschen News aus, wer wieviele Wale gesehen hat und wie viele Leute heute seekrank waren. Und Mauro bekocht uns alle.

In der kurzen Zeit, in der wir jetzt in den wunderbaren "Mediterranean Resorts" wohnen, sind wir schon ziemlich zusammengewachsen. Umso trauriger eigentlich, dass die WG in drei Wochen ihren männlichen Part verlieren wird. Wait, whaat? Ja, ihr habt richtig gehört.

Mauro fliegt bereits Ende August zurück nach Deutschland! Wie kam es dazu? Tja, wie schon gesagt hat er hier nicht viele Herausforderungen, weder beruflich noch privat. Das wäre so für die meisten erstmal kein großes Problem, treibt ihn aber in den Wahnsinn. Er ist unausgelastet, gereizt und langweilt sich die meisten Tage, wenn ich auf dem Wasser bin und sonst auch keiner Zeit hat. Gegensätzlicher könnte unsere Stimmung also nicht sein: ich bin aufgekratzt, motiviert, wahnsinnig selbstbewusst und abends nach Daysail und Sunsetsail todmüde.

Harte Arbeitstage..

Gegensätzlich sind auch unsere beruflichen Perspektiven in Erlangen: Mauro hat seit Kurzem gleich mehrere Angebote und Projekte im Blick, während ich Panik bekomme, wenn ich dran denke, womöglich einen sinnfreien und langweiligen Bürojob annehmen zu "müssen", aus Mangel an Alternativen. Seitdem ich meinerseits auch noch mit so einigen Ideen spiele, die unsere Segelyacht in der Türkei beinhalten, sehe ich hier in Airlie aktuell einfach sehr großes Lernpotenzial für mich.

Derart unterschiedliche Standpunkte - emotional und beruflich- haben uns für mehrere Wochen ziemlich gefordert und auf die Probe gestellt, bis wir schlussendlich zu der schon erwähnten Entscheidung gelangt sind: Mauro fliegt mit Vincent und Verena direkt im Anschluss an unseren gemeinsamen Roadtrip zurück nach Erlangen. Und ich bleibe noch da, solange, bis mein Heimweh die Euphorie und Lernkurve überwiegt. Keine Sorge, das wird zwar sicher keine Kinderspiel, aber wir sind und bleiben nach wie vor glücklich verheiratet, halt einfach für eine kleine Weile an zwei verschiedenen Orten. Wie viele Paare haben das aus ähnlichen Gründen teilweise schon viel länger durchmachen müssen...

So kann sich jeder von uns auf genau sein Herzensprojekt konzentrieren, ohne schlechtes Gewissen oder Kompromisse.

Klar, wenn ich das jetzt so runterschreibe und erkläre, klingt das soweit recht gefasst und vernünftig, einige sagen schon, es sei eine "sehr erwachsene Entscheidung". Trotzdem überkommen mich immer wieder Wellen von Panik, plötzlich allein am anderen Ende der Welt zu sein.

Obwohl ich es in Kapstadt ja auch geschafft (und genossen) habe. Und ich dieses Mal wieder zwei Goldstücke als Mitbewohner habe, die mich jederzeit auffangen, aufheitern und ablenken werden.

Lola zurück von Cairns nach Airlie fahren und irgendwann im November verkaufen...das werde ich dann auf eigene Faust schaffen müssen. Und Mauro wird mir jeden Tag ein Bild von etwas schicken, auf das ich mich zuhause freuen kann. Ganz unabhängig natürlich von Familie, Freunden und ihm selber. ;) Es sind ja auch Kleinigkeiten, die einen Ort zu einem Zuhause machen, so toll wie es hier auch ist.

Ich habe diesen umfangreichen Blogartikel lange aufgeschoben, immer wieder ein bisschen weitergeschrieben, dann wieder lange nichts geschafft. Mittlerweile sind Vincent und Verena bereits angekommen, wir sitzen gemeinsam im quietschgrünen Jucy-Camper, mit dem wir die halbe Queensland-Ostküste von Brisbane nach Airlie Beach hochfahren, und versuchen die beiden vom Schlafen abzuhalten, um den Jetlag zu bekämpfen.

Vieles, was in den letzten Wochen passiert ist, habe jetzt nicht ausgeführt. Vieles abgekürzt oder ganz weggelassen. Und trotzdem glaube ich, euch wieder einigermaßen auf den neuesten Stand gebracht zu haben. Klar, noch habe ich euch nicht mal von den traumhaften MiLady-Trips erzählt, dem anderen Boot neben der guten alten Providence, auf dem ich ebenfalls arbeite. Auch über die intensive erste Zeit in zwei verschiedenen Hostelparkplätzen könnte ich noch so viel mehr schreiben. Und den Fallschirmsprung an unserem verrückten ersten Hochzeitstag? Well, that happened. Und es war der Wahnsinn!

Für den Moment belasse ich es aber dabei, und lasse ein paar Bilder für sich sprechen.


-- Airlie Beach Eindrücke --

--MiLady - Trips--


--(Arbeits-)Alltag in und um Airlie Beach, samt Mandelentzündung, Sturm und Slipwork--


-- 1. Hochzeitstag, klassische Aktivität dafür--


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