• Vera Sindaco

Gruss aus dem Strandhaus

Zehn Uhr morgens, ich mache die Terrassentür auf und es riecht nach Meer. Zwei Uhr nachts, wir steigen aus der wackligen Tram aus und es riecht nach Meer. Seit 1,5 Wochen wohnen wir jetzt in einem sehr alten Häuschen am Südrand Melbournes, in Albert Park. Normalerweise eher ein Rentner- und Familienviertel, aber unsere WG ist alles andere als das.

Zwei Iren, zwei Briten und ein Mädel aus Tasmanien, die fast alle nicht so viel von dem Mysterium „Putzen“ halten.

Obwohl ich mich den ersten Tag also mehr oder weniger freiwillig ans Schrubben und Wischen gemacht habe, verbringen wir ansonsten jede mögliche Minute am ca 50m entfernten Strand.

Oder hüpfen zumindest nochmal kurz ins Meer, zum Abkühlen. Durchaus auch mal um fünf Uhr früh, nach der Arbeit, mit unseren neuen Mitbewohnern, die ihrerseits vom Feiern heimkommen…

Unser Haus ist hinter dem kleinen Turm.

Wir vermissen unser Schlösschen im Norden und die dortigen Mitbewohner trotzdem ein bisschen, weshalb wir auch endlich unser lange überfälliges Bennett Street-Housemates-Dinner organisiert haben. Ein Samstagabend, an dem wir beide frei haben, ist selten genug! Mauros berühmtes Risotto, unglaublich gute Bruschette und frische Mango, eine sehr warme Nacht unter Sternen, mit Teelichtern, in unserem kleinen Garten…und dazu ganz viel Rotwein. Traumhaft!

Und weil wir ja nicht schon genug verschiedene Unterkünfte hatten, haben wir uns gleich auch noch die nächste Bleibe gesichert. Dieses Mal wieder etwas weiter in die Stadt rein, gleich bei einer der beliebtesten Party- und Barstraßen. Dann trotzdem etwas ruhiger nur mit einem Mitbewohner, der aus Perth kommt und aktuell zwischen L.A. und Melbourne pendelt. Außerdem ist er Fotograf, und shootet vor allem Bands und Musiker, auch auf deren Tourneen. Darunter so ganz kleine Lichter wie Taylor Swift, Katy Perry oder Sam Smith. Wird sicher auch spannend!

Apropos berühmte Menschen…okay, dafür muss ich ein wenig ausholen. Kurz vor unserem Auszug war da ja noch unsere kleine Abschieds- slash Geburtstags- slash Willkommensparty. Unser Zimmer wurde nämlich von Charlie und Louis, einem englisch/australischen Pärchen übernommen. Uns als ich dann so ganz entspannt mit den beiden im Garten geplaudert habe, erwähnten sie plötzlich nebenbei, dass heute ein berühmter britischer Schauspieler auf der Party ist. Und keine Ahnung, ob irgendjemand die Serie „Preacher“ schaut, aber ich erzähl’s jetzt trotzdem. Einer der Hauptdarsteller, den ich auch noch extrem gut finde, ist Joseph Gilgun und dreht aktuell in Melbourne die vierte Staffel besagter Serie.

Und der saß dann einfach plötzlich unter unserem Zitronenbaum. Auf unserem Gartenstuhl. Und mischte sich unter das „gemeine Volk“. Na gut, kein Hollywoodstar, aber nicht weniger absurd und lustig, mit jemandem zu quatschen, der aus einer so anderen Welt kommt - und nebenbei wirklich extrem nett und offen war. Zum Glück hat mein Ex-Mitbewohner Marcus ganz unaufdringlich und aus dem Handgelenk ein Foto von uns gemacht, sodass mir die Peinlichkeit erspart wurde, Joe danach zu fragen. Da wir mit lauter Hipstern rumhängen, dauert es aber noch, bis das Foto entwickelt ist...deshalb müsst ihr mir jetzt einfach ohne Beweisfoto glauben.

Motto des Tages: Kimono! Melonengirl: Geburtstagskind Zee.

Sommerstimmung, Sommertorte, und endlich mal wieder mit der Kamera unterwegs!

Ansonsten hat sich nicht viel verändert, wir haken immer mehr kleine Erkundungen auf unserer "Melbourne-Liste" ab , wie zum Beispiel unseren Ausflug nach St. Kilda bei Sonnenuntergang. Auch wenn die berühmt-berüchtigten Pinguine am Ende des Piers nicht so beeindruckend waren, wie die Menschenmassen vermuten ließen, hatten wir einen wunderbaren Abend in dem verrückten Vorort Melbournes. Viele Backpacker, Hippies, Musiker, ein Trommelkreis am Strand, ausgelassenes Barfußtanzen, ein Saxophonist und Räucherstäbchen die in Turbans stecken...

Schöner Sonnenuntergang und Warten auf die Pinguine. Schöner Mauro.

Extrem gut ausgenutzt haben wir die Strandnähe auch gestern (Mittwoch), als wir bei Sturm und Regen ins nächste Café mit Meerblick gerannt sind, um unseren Frühstückskaffee zu trinken. Dort war es dann so gemütlich, dass wir ein bisschen länger sitzen blieben, über dies und das redeten und schließlich merkten, dass die Sonne rausgekommen war. Also auf zum spontan sehr ausgedehnten Spaziergang am Ufer entlang Richtung St. Kilda! Dramatischer Himmel, Wind und lauter Kitesurfer, knappe zwanzig Grad...genau mein Ding. Die paar extrem heißen Tage am Wochenende hatten mich schon wieder so - wie sagt man - "lätschig" gemacht.

Ziemlich durstig nach dem langen Laufen wollten wir dann irgendwo eine Kleinigkeit trinken, und gingen ebenfalls spontan ins sogenannte "Espy", für "Hotel Esplanade". Als eines der ältesten (1878) und schönsten Etablissements in ganz Melbourne wurde es erst Ende letzten Jahres nach langen und millionenschweren Umbau- und Renovierungsarbeiten wieder eröffnet. Und wir waren direkt Hin und Weg! Kein Wunder: Der Ort beherbergt Live-Musik, Kunst, wunderschön erhaltene Architektur, verschiedenste gastronomische Konzepte und Designs...

Da ich selber kein Bild gemacht hab, hier oben ausnahmsweise eins aus Google - wohl an einem deutlich wärmeren Tag. (www.wikidata.org)

Noch während wir uns überall in Ruhe umschauten, sagte Mauro "Ich hab so das Gefühl, hier ist irgendwo eine Speakeasy-Bar versteckt!"

(Zur Erklärung: sog. Speakeasy-Bars zeichnen sich meistens durch ihre Beinahe-Unauffindbarkeit aus-unauffällige Türen, geheime Codewörter und andere kreative Wege bringen nur diejenigen hin, die wissen, wo und wie sie suchen müssen. Außerdem sind sie meist etwas altmodisch im Stil der 20er/30er Jahre gehalten, das ganze Konzept ist stark an die Zeiten der Prohibition in den USA angelehnt. Heutzutage haben die Bars natürlich alle sämtliche Lizenzen und die Regale sind voll mit den klassischsten bis abenteuerlustigsten Spirituosen und Sirups, Bitters und Kräutern.) Tatsächlich wurden wir auf Nachfrage von einem Kellner runter zum Concierge geschickt, der wiederum seine Kollegin holte, die ihm den Schlüssel gab für das entsprechende Stockwerk im versteckten Aufzug.

Die Bar namens "The Ghost of Alfred Felton" im bis zur Renovierung für die Öffentlichkeit unzugänglichen fünften Stockwerk fühlte sich nicht zufällig an wie eine Wohnung Ende des 19. Jahrhunderts: Besagter Alfred Felton, ein für Melbourne bedeutender Philanthrop und Kunstsammler, lebte eine ganze Weile in den Räumen mit sagenhaftem Meerblick, und starb 1904 auch darin. Viele der Möbel und Gemälde sind noch Original aus seinem Vermächtnis, sein Vermögen ermöglichte die Gründung der National Gallery of Victoria. Mit Wermut Tonic und bone-dry Martini, um uns herum Sazeracs, Old Fashioned und richtig antike Sessel, den Blick auf die Segelschiffe am Horizont gerichtet, kann man sich schon mal in der Zeit verlieren...

Da uns aber irgendwann der Hunger einholte, gönnten wir uns auch noch ein Abendessen im Stockwerk drunter, dem beinahe komplett ausgebuchten "Mya Tiger"-Restaurant, welches kantonesisch inspiriert und wiederum im sonnigen 60s/70s-Stil gehalten ist. Zwei Flaschen Rosé und ein unglaublich gutes Probiermenü später machten wir uns halb pleite, aber glücklich und betrunken auf den Heimweg am Strand entlang...

Nach so viel Luxus ging's dann heute ganz profan ans Aufräumen, Wäsche waschen, Einkaufen, Kochen und Blog schreiben. Mit unseren Mitbewohnern haben wir nicht allzu viel am Hut, und in ein paar Tagen verlassen wir das dreckige, aber idyllisch gelegene Strandhaus auch schon wieder. Bis dahin hoffe ich, wir können unseren Beachvolleyball oder unsere Fahrräder noch ein paar mal bei etwas wärmerem Wetter als gestern und heute ausführen.


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